Guido Bellberg

Meine stoische Geschichte

Der ungerade Weg zum Stoiker

Eigentlich müsste ich jetzt erzählen, wie ich vor einigen Jahren an einem tränendurchströmten Tiefpunkt ankam um dann, in der absoluten Hoffnungslosigkeit, von einem stoischen Buch gerettet zu werden, mit dessen Hilfe ich mein Leben im Handumdrehen um 180° drehen und zu dem unglaublich erotischen Erfolgsmenschen werden konnte, der ich heute bin. Die Wahrheit über meine stoische Geschichte ist aber: ich kann mich nicht einmal mehr genau erinnern, wie ich überhaupt zum Stoizismus gelangt bin. Ich vermute es war die schiere Menge an Hinweisen auf stoisches Denken und die alten Stoiker in Büchern zum Beispiel von Tim Ferriss, Mark Manson oder Ryan Holiday, die irgendwann die Erkenntnis in mir wachsen lies, „Hmm, ich sollte mir das wohl auch einmal anschauen, so gestresst und unfokussiert wie ich oft bin.“ 

Und das tat ich und wählte gleich den schlechtesten Einstieg in den Stoizismus, den man wahrscheinlich wählen kann, nämlich eine deutschsprachige Gesamtausgabe von Seneca – einem der führenden Stoiker Roms. Das Problem: gut eintausend Seiten schwülstig übersetzter Texte ohne jedes Vorwissen sind ein dicker Happen und natürlich scheiterte ich zunächst. Denn wenn man, wie ich damals, eigentlich überhaupt keine Idee hat, worum es eigentlich geht, ist man schnell verloren. Wenn einem dann noch die Sprache alles andere als gefällt und das Lesen extrem mühsam ist, hilft bloße Lust nicht mehr weiter, sondern nur noch schiere Disziplin.

Ernsthaft, ich wünschte es hätte damals schon eine Seite wie DER WILDE STOIKER gegeben, oder einen vergleichbaren Podcast. Anlaufstellen, die mir einerseits Wissen vermittelt, aber andererseits das Gefühl gegeben hätten, dass ich hier etwas für mein eigenes, echtes Leben tue. Dieses motivierende Gefühl stellte sich bei mir erst ab Seite 300 der Seneca-Gesamtausgabe ein, aber dann war ich am Haken. Seneca spricht über Dinge, die damals wie heute für jedes Leben Bedeutung haben und er spricht Wahrheiten aus, die man heutzutage eher selten zu hören bekommt. Schmerzhafte Wahrheiten, lustige Wahrheiten. Und nicht nur das, er zeigt auch auf, wie man stoisches Wissen in der echten Realität, seinem eigenen Leben, anwenden sollte. Das war gut, sehr gut sogar, und davon wollte ich mehr.

Aufgrund meiner Erfahrung mit der deutschsprachigen Gesamtausgabe beschloss ich, stoische Literatur fast nur noch auf Englisch zu lesen – die Hörer wissen, dass ich immer erst den englischen Text zitiere, denn ich dann anschließend ins Deutsche übersetze. Was umständlich klingt, hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: die englische Sprache neigt weniger zu akademischer Staubigkeit und schwülstiger Wichtigtuerei. So etwas gilt im Angelsächsischen als schlechter Stil, wird im Deutschen hingegen gerne als Beweis von Bildung und Intelligenz verstanden. Und so klingen die englischen Übersetzungen aus dem Altgriechischen oder Lateinischen schon von sich aus moderner und ansprechender als vieles, was auf dem deutschen Markt angeboten wird (mit Übersetzungen, die einhundert oder mehr Jahre alt, aber eben auch rechtefrei sind, wodurch sie jeder Verlag kostenlos verwenden darf). Dadurch, dass ich die Texte vom Englischen ins zeitgemäße Deutsche übertrage, hoffe ich, dass die alten Stoiker am Ende näher am Herzen der Hörer landen.

Nach Seneca vertiefte ich mich in Marcus Aurelius und schließlich in Epictetus – und war endgültig im stoischen Denken zu Hause. In den letzten Jahren habe ich mich hauptsächlich auf die praktische Anwendung stoischen Wissens und die tägliche Einübung stoischer Grundsätze fokussiert. Was nicht heißt, dass ich perfekt wäre und nicht ab und an meine Frau anpampe oder ungerecht zu meinem Nachwuchs bin. Es gibt noch viel zu tun, aber es gibt eben auch schon ein gutes Stück Weg, das ich bereits gegangen bin. Das motiviert und macht Spaß. 

Ich glaube, außer Familie und Freunden hat nichts mein Leben so sehr zum Positiven verbessert, wie die stoische Philosophie und ihre konkrete Einübung. Ich hoffe, ich kann dich mit meiner Begeisterung ein wenig anstecken und dir vielleicht den einen oder anderen Impuls geben, auch dein Leben stoischer auszurichten und so vielleicht ein Stück weit glücklicher zu werden. Dann hätte ich tatsächlich etwas wirklich Sinnvolles getan und wer hätte das jemals gedacht?