Perspektivenwechsel

Stoischer Perspektivenwechsel statt emotionaler Machtlosigkeit

Unangenehme Situationen sind im Leben einfach unvermeidlich, selbst für Stoikerinnen und Stoiker. Je eher man sich das klarmacht, desto höher die Lebensqualität, die man sich selbst indirekt zugesteht. Ein solcher, erster und kleiner, Perspektivenwechsel ist absolut notwendig, um unser eigenes Leben überhaupt vernünftig analysieren zu können.

Erst neulich wurde ich selbst von einer solchen Situation „heimgesucht“: Einige Monate nach einem englischsprachigen Vortrag von mir, meinte eine junge deutsche Dame, ich hätte etwas Schlimmes gesagt und sie persönlich beleidigt. Beides hat natürlich nie stattgefunden und die deutschen Ausdrücke, die ich angeblich benutzt haben sollte, konnte ich gar nicht benutzen, weil der Vortrag komplett auf Englisch war. 

Eine absurde Situation also, die im Handumdrehen bereinigt ist? Leider nein, denn es wurde nicht etwa zeitnah mit mir persönlich gesprochen, sondern fast zwei Monate später eine Beschwerde eingereicht, sprich, eine übergeordnete Instanz – nennen wir sie einfach den „Veranstalter“ – mit einbezogen, so dass ich eine schriftliche Erklärung abgeben musste. Smells like Stasi-spirit, doesn’t it?

Böse Menschen existieren, Snowflakes fallen vom Himmel

In diesem speziellen Fall glaube ich nicht an Übersetzungsprobleme, sondern schlicht an pure Boshaftigkeit und zweifelhafte Charaktereigenschaften der ein oder zwei Damen – so genau weiß ich das nicht, weil die Beschwerde anonym erfolgte und nur klar wurde, dass es sich um eine oder mehrere Frauen handelte. Am Ende musste ich mich jedoch mit dieser Sache auseinandersetzen, ob es mir passte oder eben auch nicht.

Wir leben in Zeiten von „Cancel Culture“ und unsere Institutionen – allen voran die Schulen, Universitäten, Verwaltungen und Medien – haben ein oder zwei Generationen junger Menschen, jedenfalls die labilen unter ihnen, dazu ermutigt, zu „Snowflakes“ zu mutieren und von allem und jedem „offended“ zu sein. Das ist zwar auch ein Perspektivenwechsel, aber keiner, der am Ende zu etwas Gutem führen wird.

Natürlich, und das ist wirklich wichtig zu betonen, sind mindestens 95 % der jungen Männer und Frauen vollkommen normal und eher wenig anfällig für ideologische Indoktrinationen und niederträchtige Psychospielchen. Wahr ist aber eben auch, dass bereits wenige Personen ausreichen, ja, manchmal sogar ein einzelner, um den normalen Menschen das Leben schwer und einen freundlichen, offenen Umgang miteinander immer unwahrscheinlicher zu machen. 

Eine geistlose Mentalität, die die Welt verschlechtert

Kreativität, freie Meinungsäußerung, das faktische Diskutieren auch von Ideen, die der eigenen Ideologie entgegengesetzt sind, all dies sind wertvolle Kulturtechniken, die den Menschen im Westen erst Freiheit und Fortschritt möglich gemacht haben. Sicher, wir könnten auch ein paar Jahre ohne Kreativität oder freie Meinungsäußerung existieren, aber dann würden wir, denke ich, den technologischen, wirtschaftlichen und eben auch kulturellen Anschluss an den Rest der Welt verlieren. Wenn wir gesellschaftlich nicht mehr in der Lage sind, fremde Meinungen auszuhalten, werden wir erst geistige Stagnation und später echten Rückschritt erleben. Das ist weder tugendhaft, noch macht es die Welt zu einem besseren Ort.

Ungerechtigkeit erzeugt starke Emotionen

Zurück zu meinem Beispiel: ja, ich gebe es zu, ich habe mich wirklich aufgeregt und ich war auch ehrlich entsetzt, über die, in meinen Augen, böswillige Verdrehtheit sogar junger Menschen. Naiv? Sicher, denn warum sollten junge Menschen geistig gesünder oder moralisch einwandfreier agieren als ältere?

Auch wenn die Bösen in unserer Gesellschaft nur eine Minderheit darstellen, war es für mich wirklich schwer, zu akzeptieren, dass eine derlei abstoßende Geisteshaltung überhaupt möglich ist. Das ist sogar noch naiver. Und ja, auch wenn die Verrückten und Bösartigen gesamtgesellschaftlich nur eine kleine Größe darstellen, sind es aber absolut betrachtet eine ganze Menge Menschen, die man lieber nicht um sich hätte. Erfahrene Journalisten kennen dieses Problem zur Genüge und glücklich sind die, die von ihrer Redaktion bestmöglich abgeschirmt werden und hasserfüllte Leserbriefe erst gar nicht zu Gesicht bekommen.

Hat man, wie ich, ein ausgeprägtes Rechtsbewusstsein und ist Gerechtigkeit ein starker interner Wert, steht man vor einem echten Problem: man wird ungerecht behandelt und möchte dieses Unrecht am liebsten aus der Welt schaffen, hat aber – soviel weiß man als Stoikerin und Stoiker – eigentlich keinerlei Einfluss auf die Menschen, die einem gerade Böses wollen. 

Der Druck im Inneren wächst und findet keinen Weg ins Äußere. Ohne eine wirksame emotionale Entlastung zeigen sich auf Dauer auch bei standfesten Leuten unangenehme körperliche Symptome. Ist das erst einmal der Fall, dann haben die Bösen aber quasi gewonnen. Was kann also ein besserer, ein eher stoischer Weg sein, mit Bösartigkeit und Ungerechtigkeit umzugehen?

Dies ist der Weg – eine Strategie für einen Perspektivenwechsel

Zunächst einmal macht es absolut Sinn, sich mehrmals am Tag wirklich intensiv zu vergegenwärtigen, dass es eben nun einmal böse Menschen gibt. Nicht nur in Märchen und Marvel-Filmen, sondern da draußen in der Realität, in unserem echten Leben. Wir sollten dankbar sein, dass wir vielleicht vorher keinen Kontakt zu ihnen hatten und einfach hoffen, dass wir in Zukunft wieder von diesen Leuten verschont bleiben.

Der nächste wichtige Schritt besteht meiner Meinung nach, darin, sich klarzumachen, dass man die Böse oder den Bösen nicht bekehren oder gar “retten” können wird. Wir Menschen sind den überwiegenden Teil der Zeit rationalen Überlegungen nicht zugänglich, schon gar nicht denen unserer Mitmenschen. 

Unsere Erinnerung – kein zuverlässiger Partner

Hinzu kommt, unsere Erinnerungen sind sehr oft nicht nur trügerisch, sondern schlichtweg falsch. Die meisten erfahrenen Kriminalbeamten, werden uns wahrscheinlich bestätigen, dass Augenzeugen in vielen Fällen unzuverlässig sind.

Je länger etwas zurückliegt, desto ungenauer können Aussagen sein. Wenn erst einmal ein, zwei Monate vergangen sind, haben in der Zwischenzeit wahrscheinlich jede Menge interne Monologe und/oder Gespräche mit Gleichgesinnten stattgefunden. Gedanken und Dialoge, in denen sich die Menschen, die sich gerade “offended” fühlen, sich sehr wahrscheinlich selbst oder gegenseitig weiter aufgestachelt und ihre Phantasie in immer schwindelerregendere Höhen hochschaukelt haben. Nach einer solchen Zeitspanne würde ich persönlich dem meisten Gesagten also nicht mehr allzu viel Wahrheit beimessen.

Fakt ist, was wir meinen, gehört oder gesehen zu haben, muss keineswegs in Wahrheit auch so passiert sein. Die Unzugänglichkeit für rationale Überlegungen und die Unzuverlässigkeit unserer Erinnerung, beziehungsweise die Leistungsfähigkeit unserer Phantasie, sind Faktoren, die zusammen eine „Rettung“ der bösartigen Menschen mehr oder weniger unmöglich machen. 

Zwei Motivationen von Lügnern

Entweder glauben die Lügner ihre Lügen wirklich selbst – dann erfüllen diese Lügen wahrscheinlich einen inneren Zweck und wären nur „schmerzhaft“ umzuwandeln, eben weil dann dieser Zweck selbst gefährdet wäre – oder aber, die Unwahrheiten werden strategisch und bewusst eingesetzt, zum Beispiel, weil die schlechten Menschen davon überzeugt sind, durch Wortverdrehungen und Lügen einem ihrer Ziele näher zu kommen. Auch in diesem Fall stellt sich das Problem, dass wir also im tiefsten Innersten dieser Leute etwas bewegen müssten. Das ist jedoch selbst bei eigentlich guten Menschen, mit denen wir seit Jahren zusammenleben, kaum zu erreichen.

Wir stehen also vor einem echten Dilemma: in unserem Innern baut sich ein immer stärker werdender Druck auf, und im Äußeren haben wir eigentlich keine Chance auf sinnvolle Handlung, die es uns ermöglichen würden, diesen Druck abzubauen und der Wahrheit Gehör zu verschaffen. Was könnte also eine, im besten Sinne auch stoische, Lösung sein? Wie sieht der dritte Schritt aus?

Eine neue Perspektive: Selbstschutz und Reframing

Wenn wir anerkannt haben, dass es böse Menschen gibt, und, zweitens, uns bewusst gemacht haben, dass wir diese Menschen nicht „retten“ können, muss unser oberstes Anliegen nun sein, uns selbst bestmöglich zu schützen. Wir müssen also unsere eigenen negativen Emotionen wieder einfangen. Idealerweise wandeln wir die negativen Energien, die wir selbst erzeugen, indem wir uns über Ungerechtigkeiten und Unwahrheiten aufregen, wieder in positive um. Wir brauchen also ein echtes Reframing.

Vielleicht sehen wir eine Situation als Angriff an und fühlen uns machtlos, weil sich unsere Angreifer hinter Pseudonymen oder kompletter Anonymität verstecken und so für einen Verteidigungsschlag unerreichbar bleiben. Vielleicht werden diese Angreifer sogar noch von bürokratischen Strukturen unterstützt, so dass wir – emotional betrachtet – als Einzelner einer Vielzahl von „Gegnern“ gegenüberstehen. 

In jedem Fall müssen wir uns klarmachen, dass der Kampf-oder-Flucht-Reflex, den wir gerade erleben, und der unser System mit Adrenalin flutet, zwar völlig natürlich, aber in solchen Situation kein bisschen hilfreich ist. Da unsere Reaktion eine emotionale ist, macht es Sinn, auch emotional an einem Gegenmittel zu arbeiten. Wir brauchen also ein emotionales Reframing.

Der Angriff als größtmögliches Lob für Stoiker

Wir könnten zum Beispiel den Kampf, der an uns herangetragen wurde, umdeuten zu einer Auszeichnung, also einer positiven Emotion. Ziel ist es, statt Adrenalin Glückshormone zu erzeugen. Und es ist ja auch wahr, werden wir von böswilligen Menschen angegriffen, so gleicht dies ja schon fast einem Lob. Wir sind zur Zielscheibe geworden, aber nicht etwa von tugendhaften und moralisch anständigen Mitbürgern, sondern von hasserfüllten und destruktiven Wesen, die sich vielleicht einbilden, einen guten Zweck zu verfolgen, die aber in Wahrheit keinerlei Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten. Sind das nicht genau die Menschen, von denen ein Angriff eigentlich erwartbar ist? Ist ein solcher Angriff nicht am Ende sogar eine Anerkennung unserer Leistungen? „Der Nagel, der heraussteht, wird eingeschlagen“ – so lautet in etwa ein altes japanisches Sprichwort. Wir standen heraus, wir haben irgendetwas getan, was den Böswilligen und Dauerbeleidigten einen Anlass gab, auf uns einzuschlagen. Ist das nicht eigentlich eine Auszeichnung? 

Muss ein Postbote nicht täglich damit rechnen, dass ihn Hunde anmelden? Ist es für ein Künstler möglich, irgendetwas zu erschaffen, das nicht sofort von missmutigen Mitmenschen kritisiert wird? Kann ein Stand-up Comic einen Witz erzählen, von dem sich nicht irgendein verdrehter Geist beleidigt und persönlich angegriffen fühlt?

Heuchler, Lügner, Diebe und Betrüger werden immer versuchen, uns zum Opfer zu machen, alleine schon deshalb, um sich selbst aufzuwerten. Daran ist rein gar nichts überraschend. Wir sollten sie bekämpfen, wo immer wir auch die Möglichkeit dazu haben, aber auf keinen Fall sollte wir sie in unser Herz lassen. Wir sind nicht schlecht, weil eine Verrückte sich einbildet, beleidigt worden zu sein. Wir sind nicht untugendhaft, weil ein labiler junger Mann es nicht ertragen kann, dass wir ihn auf einen Fehler in seiner Ideologie hinweisen. Ein wenig unserer Lebenszeit können uns böswillige Menschen vielleicht manchmal stehlen, die Herrschaft über unsere eigenen Emotionen dürfen wir jedoch nie aus der Hand geben.

© Guido Bellberg, 2021
Foto: A. Bellberg