Nachrichtendiät

Warum eine Nachrichtendiät stoisch ist

Ich persönlich entziehe mich regelmäßig dem Strom von Meldungen in Tageszeitungen und Social Media-Kanälen. Das halte ich seit Jahren so und kann ehrlich sagen, dass ich durch diese Nachrichtendiät noch nie etwas verpasst habe, das mich dann – quasi unvorbereitet – irgendwie negativ betroffen hätte. Das Wichtigste, das von außen kam und das unser Leben unmittelbar verändert hat, war in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich die weltweite Corona-Pandemie. Aber selbst in diesem Informations-Super-GAU wären wir wahrscheinlich, wenn wir zwischen 2019 und 2021 keine einzige Nachrichtenmeldung konsumiert hätten, schon alleine über die Gespräche mit unseren Mitmenschen nicht viel schlechter „informiert“ gewesen als diejenigen unserer Mitbürger, die mehrfach täglich die neuesten „Meldungen“ – eher Schreckensmeldungen – verschlungen haben. Meldungen, die am Ende zu 90 Prozent eher Desinformation als hilfreich waren. Die emotionale Überhöhung von „Experten“ und der Verkauf ihrer Vermutungen und Meinungen als wissenschaftliche Wahrheit zeigte vor allem eines deutlich: wie schwer Unsicherheit und unvollständiges Wissen für uns auszuhalten sind. Wir wollen Klarheit, am besten sofort und von einer Autorität. Wenn es eine Zeitlang keine Gewissheit gibt, wird eben alle vier Stunden eine neue Wahrheit ausgerufen und die alte verdammt. Das ist unstoisch, kindisch und vor allem nicht hilfreich. Das Berichten um des Berichtens willen ist keine journalistische Glanzleistung, sondern lediglich wirtschaftlich für die Verlage und Redaktionen sinnvoll.


Natürlich dürfen wir auch der Meinung sein, dass uns die Corona-Nachrichtenflut besser durch die Pandemie geführt hat. Aber es stellt sich doch die Frage, ob es auch in der Pandemie nicht möglich gewesen wäre, eine Nachrichtendiät durchzuhalten und einfach nur einmal in der Woche zu unterbrechen und uns dann innerhalb von ein oder zwei Stunden auf den „Stand der Dinge“ zu bringen. Wären wir damit wirklich schlechter gefahren als jemand, der sich dauerberieseln lassen hat?

Die Realität sieht eher so aus: große Ereignisse von echter Tragweite für Millionen von Menschen auf der Welt sind, zum Glück, äußerst selten. Selbst wenn ein solches Ereignis eintritt – zum Beispiel ein Bürgerkrieg oder eben eine Pandemie – sind doch nur wenige, idealerweise wahre und neutral berichtete Nachrichten nötig um es uns zu ermöglichen, richtige und angemessene Entscheidungen zu treffen. Im Corona-Fall war es für die allermeisten vernünftigen Menschen sehr schnell klar, dass es wahrscheinlich Sinn macht, Masken zu tragen und soziale Kontakte zu verringern. Auch Impfungen standen schnell im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit. 99 Prozent der Corona-Meldungen haben an diesen simplen Wahrheiten nichts geändert und auch die unvernünftigen Menschen wohl kaum zum Umdenken gebracht. Mehrfach täglich lautstark verkündete Wasserstandsmeldungen waren für eine Verbesserung unserer Situation vollkommen unnötig und dienten nur dem Verkauf von Werbung durch erhöhte Klickzahlen und der Selbstdarstellung von Politikern und Experten. Und nicht zuletzt der Ablenkung davon, dass unsere politische und journalistische Elite versagt hat. Statt eine – politisch wahrscheinlich gesunde – Erschütterung der zumindest in Deutschland weit verbreiteten Liebe zum Staat hinzunehmen, wurde in den meisten Medien brav Hofberichterstattung betrieben. Selbst in einem Extremfall wie einer Pandemie gilt also weiterhin, dass die überwiegende Mehrheit sogenannter „Nachrichten“ in Wahrheit keinen Einfluss auf unser persönliches Leben oder den Zustand unserer Gesellschaft hat. Wohl aber auf unsere Emotionen und damit unseren Seelenfrieden.

Eine Nachrichtendiät führt zu Klarheit

Das Gute an einer Nachrichtendiät von ein paar Tagen, besser ein paar Wochen, ist es, dass uns schnell klar wird, wie unwichtig über 99 % aller „Meldungen“ eigentlich sind. Eine führende Politikerin wird dabei erwischt, dass sie ihre Diplomarbeit hat fremd schreiben lassen und ganze Passagen aus anderen Arbeiten gestohlen sind? Das kann nur Bedeutung für denjenigen haben, der meint, dass Politikerinnen im Allgemeinen ehrlich sind.

Dazu kommt, auch diese Nachricht wird höchstwahrscheinlich nicht eine einzige Wahlentscheidung beeinflussen, denn wir wählen meist nicht aufgrund von Nachrichten, sondern aufgrund unserer Herkunft. In welchem Land wurden wir geboren? In welchem Bundesland? In welchem Stadtteil? In einer Ärztevilla oder einer Arbeitersiedlung? Und, vielleicht das Wichtigste: was wählen unsere Eltern? Was unsere engsten Freunde? Welche Medien konsumieren wir und welche Wahlempfehlung wird uns dort, mehr oder weniger direkt, mitgegeben?

Ein überbordendes bürokratische System, etwa die EU, hat wieder einmal für normale Menschen nicht nachvollziehbare Verordnungen erlassen? Können wir denn von einem solchen System ernsthaft etwas anderes erwarten? Entspricht es nicht unserer gesamten Lebenserfahrung, dass bürokratische Großsysteme, die nicht auf Leistungsprinzipien beruhen und nicht nach freien Marktregeln spielen, sich immer weiter von unserer eigentlichen Realität entfernen und am Ende fast nur noch dazu dienen, sich selbst am Leben zu erhalten?

In einem großen Unternehmen wurden wichtige Informationen unterschlagen und die Öffentlichkeit bewusst fehlgeleitet? Ja, es gibt Menschen, die fast vor nichts zurückschrecken, auch in Unternehmen. Wäre es nicht eigentlich erstaunlicher, wenn ausgerechnet in großen Unternehmen nur tugendhafte Mitbürger angestellt wären?

Stoizismus bedeutet Freiheit des Handelns

Wir haben immer die Möglichkeit, an der Supermarktkasse genauso abzustimmen wie in der Wahlkabine. Wenn wir also ein untugendhaftes Unternehmen beobachten, können wir auf Waren aus diesem Unternehmen ganz einfach verzichten. Wenn eine unmoralische Politikerin uns abstößt, können wir aus der Partei austreten oder beim nächsten Mal eine andere wählen. Wenn uns Systeme wie die EU oder die Bundesrepublik am Ende das Leben so einschränken, dass wir uns in unserer persönlichen Freiheit gefährdet sehen, können wir auswandern. Für alle diese Entscheidungen brauchen wir nur wenige Nachrichten, manchmal sogar gar keine, wenn nämlich unsere persönlichen Erfahrungen bereits eine deutliche Sprache sprechen.

Alle diese Handlungen – und noch unzählige mehr – stehen uns jederzeit frei. Aktiv zu werden ist aus klassischer stoischer Sicht nicht nur eine Option, sondern geradezu eine Bürgerpflicht. Dazu bedarf es aber keiner Dauerberieselung mit unwichtigen Nachrichten. Aktiv werden sollten wir eher aufgrund wirklich einschneidender Ereignisse oder unserer eigenen Denkprozesse.

Wir müssen uns also entscheiden, womit wir unser Bewusstsein – und auch unser Unbewusstsein – Tag für Tag füttern und sollten uns immer klarer darüber werden, was dieses Futter in uns anrichtet. Was wir aber auf keinen Fall tun müssen, ist uns aufzuregen oder schlechte Laune zu bekommen. Dazu kann uns niemand zwingen. Wenn die Flut von unwichtigen Meldungen uns aber in eine solche Richtung schiebt, sollten wir einfach einen Schritt zur Seite treten und unsere Nachrichtendiät genießen.

© Guido Bellberg, 2021
Foto: Guido Bellberg

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