Alle sind Idioten, nur Du nicht

Alle sind Idioten, nur Du nicht

Lügen ist einfach, Tugend ist Arbeit

Wir alle haben in unserem Leben gelogen, gelernt, andere zu täuschen und erfahren, wie erstaunlich einfach dies ist. Selbst wenn wir uns irgendwann entschieden haben, einem tugendhaften Pfad zu folgen, tragen wir doch in uns das Wissen, dass Lüge, Täuschung und Betrug im Grunde genommen unkompliziert sind. Nichts ist daran schwierig, sich untugendhaft zu verhalten; höchstens die Rechtfertigungen, die wir uns im Nachhinein für unsere Taten einfallen lassen, sind es.

Die Lüge ist einfach zu bewerkstelligen, denken wir, wenn es um andere Personen geht. Wir selbst halten uns – auch das ist menschlich – für klug; in Wahrheit sogar für klüger als unsere Mitmenschen. Wir alle sind der Held in unserem persönlichen Superhelden-Film, der nonstop in unserem Kopfkino läuft. Ja, die anderen mag man einfach täuschen können, mich jedoch nicht. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Du bist sehr leicht zu täuschen

Niemand ist einfacher zu täuschen, als wir selbst – jedenfalls von unserem eigenen Gehirn. Unser Bewusstsein, und unser Unbewusstsein, spielen uns quasi nonstop falsche Narrative, ja, manchmal sogar faustdicke Lügen vor. Die meisten davon glauben wir.

Wir alle kennen wahrscheinlich einen oder mehrere der klassischen Denkfehler – etwa den berühmte Bestätigungsfehler oder kognitive Dissonanz – und sind vielleicht auch schon einmal auf optische Täuschungen hereingefallen. Interessanterweise ändern diese Erfahrungen jedoch nichts daran, dass wir uns für mehr oder weniger unfehlbar und klug halten. Unsterblich sowieso. 

Man kann lange darüber diskutieren, warum unser Denkorgan so funktioniert, wie es funktioniert, am Ende werden wir uns wahrscheinlich darauf einigen, dass unser Verhalten einfach evolutionäre Vorteile bietet. Wir sind Meister darin, Muster zu erkennen – zum Beispiel den gelb-schwarzen Tiger vor dem grünen Urwald – aber manchmal erkennen wir eben auch Muster, wenn gar keine da sind.

Viel interessanter als das „Warum?“ ist jedoch das „Wie?“ – etwa „wie wirkt sich die Tatsache, dass ich mich ständig selbst belüge, auf mein Leben aus?“

Wir sind feuchte Roboter

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur eigenen geistigen Reife ist es deshalb, ohne wenn und aber, anzuerkennen, dass man in vielen Bereichen eine Idiotin oder ein Idiot ist. Oder – und das ist die viel bessere Beschreibung – ein „feuchter Roboter“, wie es der amerikanische Cartoonist und Autor Scott Adams einmal genannt hat.

Warum nutzt Adams hier das Bild eines Roboters? Roboter sind Maschinen, die mehr oder weniger nach einem simplen Input-Output-Schema funktionieren. Habe ich zum Beispiel einen Farbmischroboter und drücke die rote Taste, dann wird der Roboter rote Farbe in den Topf gießen, bei der blauen eben blaue und so weiter, jedenfalls, wenn er richtig eingestellt ist.

Gehen wir davon aus, dass die meisten von uns ebenfalls „richtig eingestellt“ sind und normal funktionieren, dann kann man auch bei seinen Mitmenschen und sich selbst schnell erkennen, wie viele der eigenen Entscheidungen, Gedanken, Gefühle, und nicht zuletzt Handlungen, nach einem eher simplen Muster von Reiz und Reaktion ablaufen.

Einmal Gelerntes wird mit einem gewissen Trigger verbunden – einem Reizwort, einer Idee, einer heimlichen Leidenschaft – und dann quasi automatisch abgerufen, wenn der Trigger erkannt wird. Je öfter dieses Muster abläuft, desto mehr verstärkt es sich selbst. Vereinfacht? Ja, sicher, aber die Idee dieses Essays ist es, uns von unserem hohen Ross herunter zu holen, und dafür reicht diese Erklärung alle Mal. 

Wer zum Beispiel Erfahrungen mit Hypnose hat, sowohl aktiv als auch passiv, weiß, wie stark Schlüsselwörter und innere Bilder auf uns wirken und auch wie schnell das Ganze im Zweifel abläuft.

Sind wir uns dieses “Roboterbestandteils” in uns selbst endlich gewahr geworden, können wir deutlich entspannter mit unserem eigenen Leben umgehen. Wenn wir uns das Bild des feuchten Roboters regelmäßig vor Augen führen, müssen wir nicht immer wieder versuchen, jede noch so blödsinnige eigene Handlung im Nachhinein vor uns selbst zu rationalisieren und gegenüber anderen zu rechtfertigen.

„Es hört nicht auf, mich zu erstaunen: wir alle lieben uns selbst mehr als unsere Mitmenschen, aber kümmern uns mehr um deren Meinung als unsere eigene.“

Marcus Aurelius*

Stoische Gelassenheit erreichen

Selbsterkenntnis kann ein wichtiger Beitrag zu stoischer Gelassenheit sein. Wer sich selbst nicht mehr ganz so wichtig nimmt, und vor allem aufhört alles, was er tut, gegenüber realen Personen oder sogar nur Bildern im eigenen Kopf zu rechtfertigen – und das ist quasi der Normalzustand vieler Menschen – kann am Ende ein viel realistischeres Bild von sich selbst gewinnen. Und damit erkennen, wo wirklich wichtige Problemfelder liegen und welche Baustelle gerade geöffnet ist. Statt, wie schon in der Kindheit gelernt, einfach reflexiv abgerufenen Emotionen hinterher zu rennen und jede Gelegenheit dazu zu nutzen, anderen gefallen zu wollen.

Vor der Heilung steht immer die Diagnose, aber wie soll man heilen, wenn man quasi nonstop falsche Diagnosen zu hören bekommt? Und das von sich selbst?

Erkenne Dich selbst

„Erkenne Dich selbst“, so stand es angeblich am Tempel des Apollo in Delphi geschrieben, ein Motto, das uns bei Socrates und auch den Stoikern selbst immer wieder begegnet. Stoische Selbstreflexion, Meditation, dass Austesten eigener Grenzen – alle diese Aktivitäten können uns helfen, ein klareres Bild von uns selbst und unserem Leben zu gewinnen. Wir sollten uns nur bewusst sein, dass vieles an diesem „echten“ Selbstbild uns vielleicht nicht gefallen wird. Oft entspricht unser Bild von uns selbst eher einem Wunschtraum, den wir schon seit Jahrzehnten mit uns herumtragen als dem, was wir wirklich sind.

Die gute Nachricht aus stoischer Sicht: bewusstes Leben und Tugendhaftigkeit sind seit Jahrtausenden bewährte Mittel um uns zum Glück zu führen. Eitelkeit und Selbstbetrug dagegen seit Ewigkeiten der garantierte Weg ins Unglück. Wir selbst haben die Wahl, wie wir uns entscheiden und welche Richtung wir einschlagen.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute bieten uns die Möglichkeit entscheidende Richtungsänderungen vorzunehmen. Selbst für die alten Stoiker, die an ein deterministisches, also vorbestimmtes, Universum glaubten, war individuelle Entscheidungsfreiheit real und sie hatte immer Konsequenzen.

Dein Leben heute ist eine direkte Konsequenz deiner Entscheidungen in der Vergangenheit. Und was du heute entscheidest, bestimmt, wie du morgen lebst. Auch eine Art von Reiz-Reaktion-Schema, aber eines, dass wir bewusst für die Verbesserung der Welt und uns selbst nutzen können. Wenn wir uns selbst erkennen, haben wir immer die Wahl. Das ist der Lohn unserer Bemühungen und eine gute Sache.

*Übersetzung aus dem Englischen von Guido Bellberg


© Guido Bellberg, 2020

Foto: Guido Bellberg

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